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Drei Fragen an ...
/// Leila Haghighat: „Es wird zu viel proklamiert und zu wenig geändert“



Kulturelle Bildung kann Machtverhältnisse sichtbar machen. Doch was nützt es, sich seiner Position in der Gesellschaft bewusst zu werden, nur um sich damit abzufinden? Die Kultur- und Politikwissenschaftlerin Leila Haghighat bezweifelt, ob die Akteure der Kulturellen Bildung mehrheitlich zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen möchten – denn dann müssten sie auch bereit sein, eigene Privilegien aufzugeben.

BKJ: Sie haben sich intensiv mit dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci und dessen Hegemoniebegriff befasst. Wie aktuell und anwendbar ist sein Konzept für die Betrachtung von Kultureller Bildung im Kontext von Macht und Herrschaft?

Porrät von Leila Haghighat. Foto: Grabiele ProbstLeila Haghighat: Zunächst ist der Begriff der Hegemonie im Sinne Antonio Gramscis meines Erachtens im Allgemeinen heute aktueller denn je. In der Krisenzeit zwischen den beiden Weltkriegen und nach der Machtübernahme der Faschisten in Italien war Gramscis Denken davon gelenkt, zu verstehen, welche Gruppe bzw. Klasse führt und welche gesellschaftliche Kraft über das Denken in einer Gesellschaft bestimmt. Auch heute findet sich das politische System mit seinen etablierten Parteien in der Krise und die neuen Kräfte kommen vorwiegend von rechts. Wie ist das zu erklären? Gramsci kam zu der Erkenntnis, dass Hegemonie nicht nur durch Zwang sondern vor allem durch Konsens gestützt ist: Die Mehrheit stimmt also der herrschende Ordnung zu oder nimmt sie hin. Zwei zentrale Felder, in denen die „Aushandlungsprozesse“ der gesellschaftlichen hegemonialen Verhältnisse stattfinden und in denen Konsens gebildet wird, sind Bildung und Kultur, an deren Schnittstelle Kulturelle Bildung stattfindet. Dabei ist es bedeutend welche „Subjektpositionen“ – die historisch, sozial, politisch, ökonomisch und kulturell hergestellten, zugeschriebenen und eingenommenen Positionen von Subjekten in der Gesellschaft – die Deutungshoheit haben und einen „Common Sense“ herstellen. Also: Wer bildet wen, welche Narrative und Sprecher*innen-Positionen sind vertreten und welche Bilder entstehen, in denen sich soziale, subjektive wie objektive Bedeutungen manifestieren? Zudem geht es bei dem Konzept der Hegemonie nicht nur um eine Analyse der Herrschaftssicherung „von oben“, sondern immer auch darum, wie sich eine Gesellschaft „von unten“ bilden kann und wie Verhältnisse verändert werden können. Die Kulturelle Bildung kann ein Instrument sein sowohl zur Sicherung der herrschenden Ordnung als auch zu deren Veränderung.

BKJ: Kulturelle Bildung, die sich als emanzipatorische und antihegemoniale Praxis versteht, kommt – so schreiben Sie – letztlich einer Anleitung zum Widerstand gleich. Sie fragen, ob dies im stark institutionalisierten Feld der Kulturellen Bildung überhaupt zugelassen werde. Haben sie darauf eine Antwort oder zumindest eine Hypothese gefunden?

Leila Haghighat: Was ich durch meinen Artikel im Band „weiße Flecken“ versucht habe aufzuzeigen, ist, dass der im Diskurs der Kulturellen Bildung oft formulierte Anspruch, Lern- und Auseinandersetzungsprozesse mit sich und seiner Umwelt durch das Medium der Künste anzutreiben, eigentlich – aus einer hegemoniekritischen Perspektive – auf eine Veränderung der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse abzielen müsste. Denn was bringt es, sich seiner Position – sei sie nun marginalisiert oder privilegiert – in der Gesellschaft bewusst zu werden, um sich dann nur damit abzufinden? Deshalb habe ich die – zugegeben rhetorische – Frage formuliert, ob Auseinandersetzungen, die darin münden, gesellschaftliche Ungleichheiten aufzuzeigen, bestehende Ordnungen in Frage zu stellen und deren Veränderung einzufordern, nicht einer Anleitung zum Widerstand gleichkommen würden. Und nein, ich glaube nicht, dass dies gewollt ist. Zumindest mehrheitlich nicht. Durch eine gegenhegemoniale und emanzipatorische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen würden nicht nur Machtverhältnisse sichtbar gemacht, sondern auch die eigenen Verstrickungen darin problematisiert werden. Das würde allerdings in letzter Instanz bedeuten, dass sich Strukturen langfristig verändern und damit privilegierte Positionen aufgegeben werden müssen, um Platz für alternative Perspektiven und andere Subjektpositionen zu machen. Leider wird in dieser Hinsicht noch zu viel nur proklamiert und zu wenig geändert, was sich vor allem daran ablesen lässt, dass das Feld nach wie vor vorwiegend durch Subjekte der Mehrheitsgesellschaft geprägt ist.

BKJ: Sie erforschen künstlerische Praktiken aus Nachbarschaften in Berlin, Marseille und Istanbul. Was können Akteure der Kulturellen Bildung in Deutschland aus Ihren Untersuchungen lernen?

Leila Haghighat: Da dieser Untersuchungsprozess noch nicht abgeschlossen ist, kann ich nur ansatzweise auf diese Frage antworten. Zunächst zeigt sich, dass Gentrifizierungsprozesse, also die symbolische Aufwertung von sozio-ökonomisch schwachen Vierteln in den Zentren von Großstädten und die übermäßige Kommerzialisierung von Wohnraum in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft ein globales Phänomen sind. Auch wenn die darin involvierten Kräfte und Dynamiken unterschiedlich sind. Und auch die Verstrickung von Künstler*innen in solche Prozesse, also einerseits in Aufwertungen und andererseits in widerständige Praktiken, ist überall vorhanden. Ebenso sind die künstlerischen Konzepte und Ansätze ähnlich, sobald es um die Arbeit mit Menschen geht. Es wird nur mit unterschiedlichen Begriffen gearbeitet, die jeweils unterschiedliche Begriffsgeschichten haben und eigene Fragen verhandeln. Daraus könnten neue transdisziplinäre Ansätze entwickelt werden. Hier lohnt es sich zu schauen, mit welchen ethischen und politischen Fragen sich bereits andere Praktiken und Theorien beschäftigen, die denen der Kulturellen Bildung ähnlich sind, wie etwa der éducation populaire oder der socially engaged art. Der Blick nach Marseille ist dabei auch bedeutungsvoll, da das koloniale Erbe Europas in dieser Stadt so deutlich sichtbar ist. Das segregierte Stadtbild und seine Geschichte zeigen ganz konkret, dass Ungleichverhältnisse nicht gegeben, sondern historisch gewachsen sind. Gleichzeitig gibt es sowohl staatlich initiierte künstlerische Interventionen, die auf die Segregationen einwirken sollen, sie dabei jedoch oft nur oberflächlich befrieden, als auch eine starke Hip-Hop-Kultur als Form von Widerstand und gegen-hegemonialer Praxis. Also zwei gegenläufige Praktiken die jeweils sehr sichtbar sind. Ein gutes Beispiel um aufzuzeigen, wie künstlerische Praktiken potentiell gesellschaftliche Verhältnisse sowohl „reproduzieren“ als sie auch unterwandern können.

Die Kultur- und Politikwissenschaftlerin Leila Haghighat promoviert an der Universität für Angewandte Kunst Wien zu partizipativen Praktiken in der Kulturellen Bildung im Kontext von Gentrifizierungsprozessen.


Cover: weiße Fleckenweiße Flecken

Der Beitrag „Kultur zwischen Freiheit, Macht und Beherrschung. Die Bedeutung des Hegemoniebegriffs für die Kulturelle Bildung“ von Leila Haghighat ist in dem Band „weiße Flecken. Diskurse und Gedanken über Diskriminierung, Diversität und Inklusion in der Kulturellen Bildung“ in der Schriftenreihe Kulturelle Bildung im kopaed-Verlag erschienen.

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Foto: Grabiele Probst

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